Selbstloser Einsatz für die Gemeinde Hettingen

...mit einem weißen Taschentuch, an einen Stock gebunden, den Panzern entgegen...

Im Bienenhaus seines Vaters im Hettinger Pfarrgarten hörte Pfarrer Magnani den ganzen Krieg über die verbotenen Feindsender (BBC usw.) ab. Deshalb wusste er genauestens Bescheid über die Kriegslage, die von der NS- Propaganda dem Volk als Endsieg vorgegaukelt wurde. Die Wirklichkeit war genau umgekehrt. Es war nur noch ein Aufbäumen gegenüber einer Übermacht an Waffen und Material der Alliierten.

Die Karwoche vom 25. März bis 2. April 1945 war im wahrsten Sinn des Wortes eine Leidenswoche. Am Montag, 26. März, teilte Pfarrer Magnani der Bevölkerung die Nachricht mit, dass unser Gebiet zum Kriegsgebiet erklärt wurde, was er von sicheren Quellen erfahren hatte. Es zogen verstärkt abgekämpfte deutsche Soldaten in Hettingen durch Hettingen, die von der Bevölkerung liebevoll aufgenommen wurden. Viele Soldaten erfüllten in Hettingen ihre Osterpflicht durch den Empfang der Beichte und der Kommunion. Jeder Soldat erhielt zum Andenken eine Briefmappe mit einem Kreuzweggebet und das Osterbild des Auferstandenen mit dem Aufdruck „Andenken an die Heilige Osterkommunion beim Durchmarsch in Hettingen“.

An drei Stellen im Ort hatten SS-Truppen Stellungen bezogen, um den Befehl ihres SS-Generals auszuführen: „Hettingen ist bis zum letzten Mann zu verteidigen“. Pfarrer Magnani verhandelte mit den Batteriechefs und bat sie dringend, aus dem Ort abzuziehen. Mit einem Stellungswechsel zum „Oberhölzle“, hätten sie eine strategisch günstigere Abwehrlage. Durch Überredungskunst und geschickte Einschätzung der Lage gelang es Pfarrer Magnani die Kompanien zum Abzug zu bewegen.

Der „Feind” kam immer näher und in der Nacht von Karfreitag, 30. März, auf Karsamstag, 31. März rollten die Amerikaner an mit einer Fülle von Material und Waffen, die sich niemand vorstellen konnte. Angesichts dieser Übermacht konnte Pfarrer Magnani in letzter Minute die noch von der Ideologie des Endsiegs besessenen jungen SS-Soldaten mit ihrem Sturmscharführer bewegen, rechtzeitig abzuziehen. Kurz vor Mitternacht stieg er auf den Kirchturm und hisste zwei große weiße Fahnen, die im hellen Mondlicht gut sichtbar waren.

Als der Lärm der Panzer immer lauter wurde, ging Pfarrer Magnani dem Feinde entgegen. Als Kleriker zu erkennen und mit einem Stock, an dem er ein großes weißes Taschentuch gebunden hatte, ging er nach Mitternacht in Richtung berstadt. Am Gemeindewald „Stöckig“ traf er auf den Batteriechef der Amerikaner und verhandelte mit ihm. Dabei versicherte Pfarrer Magnani dem amerikanischen Offizier, dass sich die Bewohner von Hettingen tapfer gegen den Nationalsozialismus gewehrt haben. In der Gemeinde sei kein kampffähiger Soldat mehr. Nur zwölf Kranke sind noch in der Pfarrscheuer, dessen Waffen er abgenommen und unter Verschluss habe. Mit dem Versprechen „es fällt kein Schuss beim Einzug der Truppe“, verpfändete Pfarrer Magnani sein Leben für die Gemeinde. Deshalb musste er vor zwei Spähwagen laufend zurück zum Ort gehen und sich dann oben am Kirchenbuckel aufstellen. Dort richteten sie ihre Maschinenpistolen und MG's auf ihn, und hätten ihn erschossen, wenn ein Schuss gefallen oder Widerstand aufgekommen wäre. Doch nichts geschah. Die Bevölkerung blieb nach Weisung des Pfarrers in den Kellern und Luftschutzräumen und erwartete im Gebete verharrend das vereinbarte Zeichen mit der Kirchenglocke. So nahmen die Amerikaner mit einer Übermacht an Panzern und Fahrzeugen aller Art gegen 2.40 Uhr des Karsamstages Hettingen ein.

Durch diese Heldentat, der Verpfändung seines Lebens für die Gemeinde Hettingen, bewahrte Pfarrer Heinrich Magnani die Ortschaft vor Zerstörung und einem Blutvergießen von ungeheuerem Ausmaß, dessen Tragweite wir heute gar nicht mehr ermessen können.

Es war wohl die letzte Amtshandlung des damaligen Bürgermeisters Anselm Kirchgeßner, als er einen „Generalausweises“ für Pfarrer Magnani ausstellte. Anderntags wurde diese Bescheinigung durch die Militärregierung in Buchen autorisiert und so hatte Pfarrer Magnani ein Papier in der Hand, das ihm erlaubte, sich bei Tag und Nacht im ganzen Dienstbezirk des Kommandeurs der VII. US Army zu bewegen.

Gedenkstein

Durch seine Heldentat, der Verpfändung seines Lebens für die Gemeinde Hettingen, bewahrte Pfarrer Heinrich Magnani die Ortschaft vor Zerstörung und einem Blutvergießen von ungeheuerem Ausmaß, dessen Tragweite wir heute gar nicht mehr ermessen können.

Die Geschichte seiner selbstlosen Schritte den Panzern entgegen, dokumentiert dieser Gedenkstein am Gemeindewald Stöckig.